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Das Internet als „zuverlässigste Informationsquelle“ und das Vertrauen in politische Institutionen

Marc Debus, Universität Mannheim

In den letzten Jahren hat der Eindruck zugenommen, dass das Vertrauen in die politischen Institutionen – sei es auf nationaler, europäischer, regionaler oder auch lokaler Ebene – seitens der Bürgerinnen und Bürger deutlich zurückgegangen ist. Ursachen hierfür können nicht nur krisenhafte Ereignisse mit ihren Konsequenzen sein, die sich etwa aus der globalen Banken- und Finanzkrise oder Migrationswellen ergeben haben, sondern auch ein durch die Digitalisierung angewachsenes Angebot an weniger seriösen Informationsquellen, die leicht über das Internet erreichbar sind (siehe etwa Armingeon und Guthmann 2014). Im Folgenden wird mit Hilfe eines neuen Datensatzes, der Informationen zum Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in politische Akteure auf allen Ebenen des politischen Systems enthält, empirisch überprüft, ob – unter Kontrolle einer Vielzahl von Faktoren, die nach gängigen Theorien als Determinanten des Vertrauens in politische Institutionen gelten – politisches Vertrauen auch von der Mediennutzung – konkret: der Einschätzung der Zuverlässigkeit von Informationen aus dem Internet – der Bürgerinnen und Bürger abhängt.

Warum ist diese Forschungsfrage relevant? Demokratische politische Institutionen benötigen ein signifikantes Ausmaß an Vertrauen seitens der Bürgerinnen und Bürger, damit die von Parlament, Regierung oder einem obersten Gerichtshof eines Landes getroffenen Entscheidungen ein hohes Ausmaß an Legitimität besitzen (vgl. für eine Übersicht Zmerli 2020). Wenn dies der Fall ist, dann müssen von politischen Entscheidungsträgern beschlossene Maßnahmen nicht jedes Mal erneut von der Wählerschaft als dem Prinzipal in modernen, repräsentativ organisierten Demokratien abgesegnet werden. Bei einem hohen Maß an durch Vertrauen etablierter Legitimität von Entscheidungen politischer Institutionen geht die große Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger davon aus, dass politische Entscheidungen im Sinne aller getroffen wurden, so dass effizientes Regieren möglich ist. Vertrauen nicht nur in Mitmenschen, sondern auch in die politischen Institutionen ist somit ein zentraler Faktor für die Stabilität von Gesellschaften als auch von politischen Systemen.

Ein neuer Datensatz, der im Rahmen des „Effectnet-Projekts“ im Jahr 2017 erhoben wurde (vgl. Schaub und Tosun 2019; Tosun et al. 2020), umfasst zum einen Daten darüber, wie viel Vertrauen politischen Institutionen wie dem Gemeinderat, dem Landtag, dem Bundestag, der Europäischen Union, Parteien und Politikern allgemein sowie Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und den Medien zugewiesen wird. Gleichzeitig beinhaltet dieser Datensatz eine Reihe von Variablen, die grundlegende theoretische Ansätze zum Vertrauen in politische Institutionen abbilden, wie etwa Bildungsgrad, Alter oder die ideologische Grundeinstellung eines Befragten, sowie Informationen dazu, wie zuverlässig das Internet für die Informationsgewinnung eingeschätzt wird.

Abbildung 1 weist zunächst aus, wie hoch der Anteil der Befragten ist, die politischen Institutionen auf den verschiedenen Ebenen des politischen Systems kein oder kaum Vertrauen entgegenbringen. Zum Vergleich wird auch dargestellt, wie hoch der Anteil der Befragten ist, die den Medien oder NGOs kaum oder gar nicht vertrauen. Es wird deutlich, dass es klare Unterschied im Ausmaß des Vertrauens in politische Institutionen gibt: während eine Mehrheit der Befragten Politikern und Parteien wenig bis gar nicht vertraut, sinkt der Anteil derjenigen mit geringem oder keinem Vertrauen in politische Institutionen, je niedriger die Ebene des politischen Systems ist, auf dem die jeweilige Institution angesiedelt ist. Während in den Bundestag oder in die Europäische Union ein relativ hoher Anteil von rund 45% der Befragten nicht oder kaum vertraut, so fällt dieser Anteil auf knapp 32% ab, wenn es um die lokale Ebene geht. Das Vertrauen in Medien oder in NGOs ist noch etwas stärker ausgeprägt: Misstrauen ist hier bei 30,5% bzw. 24% der Befragten vorhanden.

Beeinflusst nun die Einstellung, dass das Internet ein zuverlässiges Informationsmedium ist, zu der sich rund 32% der in der Studie befragten Personen bekannten, das Vertrauen in die genannten politischen Institutionen? Multivariate Regressionsanalysen, welche die Ausprägungen der von 1 („gar kein Vertrauen“) bis 5 („sehr starkes Vertrauen“) reichenden abhängigen Variablen erklären, verdeutlichen, dass die Einstellung zum Internet als zuverlässigem Informationsmedium einen statistisch signifikanten, negativen Effekt auf das Vertrauen hat (vgl. die Ergebnisse der Regressionsanalysen in Tabelle 1 im Anhang): wenn das Internet seitens eines Befragten als zuverlässiges Informationsmedium eingestuft wird, dann geht das Vertrauen, das diese Person in alle hier untersuchten politischen Institutionen und gesellschaftlichen Organisationen hat, in statistisch signifikanter Weise zurück. Es macht somit keinen Unterschied, ob es um Vertrauen in politische Institutionen auf lokaler, regionaler, bundesweiter oder europäischer Ebene geht oder auch um NGOs oder die Medien allgemein. Diese Resultate bleiben robust, wenn in der Analyse zusätzlich die ideologische Einstellung eines Befragten, der Bildungshintergrund, das Alter, das Geschlecht, die Wohnumgebung (ländlich vs. urban) und die Haushaltsgröße sowie Indikatoren für die 16 Bundesländer berücksichtigt werden.

Zwar können leider weitere zentrale Variablen, die zur Erklärung von Vertrauen beitragen – wie etwa das „soziale Kapital“ eines Befragten aufgrund seiner Aktivität in Vereinen oder Verbänden –, mangels Verfügbarkeit im Datensatz nicht als weitere erklärende Variable eingebaut werden. Dennoch deuten die hier präsentierten Ergebnisse daraufhin, dass eine Affinität der Nachrichtengewinnung durch das Internet und deren Einstufung als „zuverlässig“ mit einem geringeren Vertrauen in politische Institutionen oder auch in politiknahe gesellschaftliche Organisationen verknüpft ist. Geht man davon aus, dass die Gefahr groß ist, über das Internet an so genannte „fake news“ zu geraten und diesen Glauben zu schenken, scheint – den hier präsentierten Ergebnissen zufolge – eine Einschätzung des Internets als zuverlässige Informationsquelle und ein damit verbundener Konsum des Webs als Nachrichtenquelle dazu zu führen, dass das Vertrauen in politische Institutionen zurückgeht. Somit stellt die Digitalisierung indirekt eine Herausforderung für die moderne, repräsentative Demokratie dar, indem sie negativ auf das Vertrauen in politische Institutionen wirken kann. Diesen hier vermuteten und beobachteten Mechanismus detaillierter theoretisch wie empirisch zu untersuchen, sollte Ziel künftiger sozialwissenschaftlicher Forschung sein, stellt gleichzeitig aber auch eine Herausforderung für die politischen Entscheidungsträger dar.      

 

Referenzen

Armingeon, Klaus, and Kai Guthmann. 2014. Democracy in crisis? The declining support for national democracy in European countries, 2007–2011. European Journal of Political Research 53: 423-442.

Tosun, Jale, Simon Schaub, und Andreas Fleig. 2020. What determines regulatory preferences? Insights from micropollutants in surface waters. Environmental Science & Policy 106: 136-144.

Schaub, Simon und Jale Tosun. 2019. Spurenstoffeinträge in Gewässer: Der Einfluss von Vertrauen in Akteure auf die Problemwahrnehmung. Zeitschrift für Umweltpolitik und Umweltrecht 42: 185–213.

Zmerli, Sonja. 2020. Politisches Vertrauen. In: Thorsten Faas, Oscar W. Gabriel und Jürgen Maier (Hrsg.): Politikwissenschaftliche Einstellungs- und Verhaltensforschung. Handbuch für Wissenschaft und Studium. Baden-Baden: Nomos, 248-272.

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