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Qualitätssicherung in der kollaborativen Wissensproduktion: Das Beispiel Wikipedia

Eva Gredel, Universität Mannheim

Mittlerweile dient die Online-Enzyklopädie Wikipedia vielen Internetnutzer*innen zur ersten Orientierung bei Wissensfragen im Alltag. Dies belegt das Alexa-Ranking, das die Bedeutsamkeit von Internetseiten über die Verweildauer und die Zahl der Seitenaufrufe der Nutzer*innen misst. Hier steht Wikipedia auf der Rangliste der wichtigsten Internetseiten in Deutschland auf Platz 6 – direkt nach Internetseiten wie Google, YouTube oder Amazon (Alexa 2020). Einzelne Artikel werden dabei besonders häufig aufgerufen: Die Liste der meistbesuchten Wikipedia-Seiten des Jahres 2019 in der deutschen Sprachversion führt der Wikpedia-Eintrag Formelsammlung zur Trigonometrie mit ca. 9,5 Millionen Aufrufen an. Auf Platz 4 etwa findet sich der Eintrag zu Greta Thunberg, der mehr als 4 Millionen Mal aufgerufen wurde und auf Rang 10 ist der Eintrag zur Krankheit Fibromyalgie mit mehr als 2,5 Millionen Seitenaufrufen. Die Beispiele belegen nicht nur die hohe Reichweite der Wikipedia mit ihren Einträgen, sondern auch die vielfältigen Themenbereiche, die auf großes Interesse der Internetnutzer*innen stoßen. Immer wieder wird jedoch die Qualität der enzyklopädischen Einträge in Wikipedia und auch die Art, wie diese erarbeitet werden, kritisiert. Selten liegt dabei der Fokus auf den umfangreichen Qualitätsdebatten in bestimmten Bereichen der Wikipedia, die die Autor*innen dort führen. Im Folgenden wird erläutert, wie diese Qualitätsdebatten mithilfe eines diskurslinguistischen Ansatzes untersucht werden können.

 

Zur Erfolgsgeschichte der Mitmach-Enzyklopädie

 

Die Erfolgsgeschichte der Wikipedia begann bereits im Januar 2001 mit der Idee ihres Gründers Jimmy Wales, der sich fragte: „Was wäre, wenn das gesamte Wissen der Menschheit frei zugänglich wäre?“ (Wikimedia Deutschland 2011: 9). Rund 19 Jahre später ist die Wikipedia weltweit in rund 300 Sprachversionen (Wikimedia 2019a) verfügbar und die Zahl der enzyklopädischen Einträge ist auf etwa 50 Millionen angewachsen (Wikimedia 2019b). Mit rund 2,66 Mio. registrierten Autor*innen ist die Wikipedia-Gemeinschaft zudem eine der größten Online-Gemeinschaften weltweit (Wikimedia 2019). Die Mehrzahl dieser Autor*innen verfolgt dabei das Ziel, zum Projekt der kollaborativ erstellten Online-Enzyklopädie im regen Austausch mit anderen konstruktiv beizutragen.

 

Wichtige Informationen hinter den „Kulissen“ der Wikipedia

 

Vielen Nutzer*innen der Wikipedia bleibt dieser rege Austausch der Wikipedia-Autor*innen jedoch verborgen, da sie die enzyklopädischen Einträge der Wikipedia (die sog. Artikelseiten, s. Abb. 1, A) isoliert betrachten und die weiteren Bereiche der Online-Enzyklopädie nicht kennen, obwohl diese meist nur einen Klick entfernt sind. Gerade in diesen Bereichen – etwa auf den sogenannten Diskussionsseiten (Abb. 1, B) und in der Versionsgeschichte (Abb. 1, D) – finden sich jedoch wertvolle Informationen: Internetnutzer*innen finden dort Hinweise darauf, welche Aspekte eines enzyklopädischen Artikels umstritten sind, welche Textpassagen eines Wikipedia-Eintrags als noch nicht ausgereift eingestuft werden oder wo gegen Richtlinien (z.B. gegen die Relevanzkriterien) der Wikipedia verstoßen wird oder wurde. Kurzum: In diesen Bereichen wird besonders deutlich, dass Wikipedia als diskursiver Raum zu verstehen ist, in dem Autor*innen im Rahmen der kollaborativen Textproduktion Wissen interaktiv aushandeln.

 

Wikipedia als hochgradig regulierter Diskursraum

 

Über die Links und insbesondere über die oben vorgestellten Strukturlinks ergibt sich die in Abbildung 2 schematisch dargestellte komplexe Struktur der Wikipedia. Neben den bereits erwähnten Bereichen ist hier noch der Metabereich hervorzuheben (s. Abb. 2), der ein ausdifferenziertes System an Richtlinien und Grundprinzipien enthält.

Auf diese Grundprinzipien und Richtlinien verweisen und verlinken Wikipedia-Autor*innen bei der kollaborativen Textproduktion. Häufig wird etwa auf das Grundprinzip „Keine Theoriefindung“ verwiesen: In die enzyklopädischen Artikel dürfen Aussagen nur dann übernommen werden, wenn diese mithilfe verlässlicher Informationsquellen belegt werden können. Aussagen, die nicht ausreichend mit geeigneten Quellen belegt werden können, werden aus der Online-Enzyklopädie von den sogenannten Sichtern meistens innerhalb kürzester Zeit entfernt. Trotz der starken Regulierung und Kontrollmechanismen hält sich die Einschätzung in der Öffentlichkeit, dass Partizipation in Wikipedia nicht reguliert ist und Internetnutzer*innen ohne Berücksichtigung irgendwelcher Regeln zur Wikipedia beitragen können. Das Gegenteil ist der Fall: Wikipedia ist ein hochgradig regulierter Diskursraum, in dem die Wikipedia-Autor*innen die Regeln und Normen kollaborativ er- sowie überarbeiten und durchsetzen.

 

Framing durch Metaphern zur Thematisierung von Regelverstößen

 

Zur Durchsetzung der Regeln und Normen haben die Wikipedia-Autor*innen spezifische Wortschöpfungen gebildet, die als Teil der wikipedia-eigenen Werkstattsprache zu verstehen sind (Storrer 2017: 267). Mithilfe großer Sammlungen an Wikipedia-Sprachdaten des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache Mannheim (die Wikipedia-Korpora) kann man zeigen, dass Wortschöpfungen wie Newstickeritis, Sockenpuppitis sowie Zitieritis – im Folgenden itis-Kombinationen genannt – genutzt werden, um Regelverstöße in Wikipedia zu benennen (Gredel 2018). Die von den Wikipedia-Autor*innen genutzte Strategie der Wortbildung ist nicht neu: Die Tradition von itis-Kombinationen zur Benennung entzündlicher Krankheiten (etwa Meningitis) reicht in der medizinischen Fachsprachen Europas bis in die römische Antike zurück (vgl. Hoppe 2010: 2). Für das 20. Jahrhundert hat Nortmeyer (1987) gezeigt, dass sich in der (journalistische) Gemeinsprache Wortschöpfungen wie Aufschieberitis etabliert haben (s. Abb. 3).

Durch die medizinfachsprachliche Herkunft der Wortendung -itis kann man die Wirkweise der wikipedia-spezifischen itis-Kombinationen, die auf den Diskussionsseiten der Online-Enzyklopädie genutzt werden, folgendermaßen erklären: Die itis-Kombinationen sind als sprachliche Bilder bzw. Metaphern zu verstehen, bei denen Merkmale eines Erfahrungsbereichs auf den anderen übertragen werden. Im Fall von Newstickeritis geht es darum den Regelverstoß, die Wikipedia zu schnell und ohne verlässliche Quellen – nämlich wie einen Newsticker – zu bearbeiten, als Krankheit zu charakterisieren. Merkmale des Erfahrungsbereichs Krankheit werden somit auf den Bereich der kollaborativen Textproduktion übertragen. Das so bezeichnete Verhalten wird als krankhaft und abnorm dargestellt, wie die folgenden Beispiele illustrieren:

Beispiel 1:

„Das sehe ich noch etwas differenzierter: Prozessuale Vorgänge, die eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit erfahren und eine über das Tagesgeschehen hinausgehende Bedeutung erhalten, können und sollten imho [= in my honest opinion] im jeweils angemessenen Umfang dargestellt werden. Selbstverständlich ist hierbei Newstickeritis zu vermeiden, stattdessen sind wie stets eine sorgfältige Abwägung und vernünftiges Augenmaß erforderlich.“ (Diskussion zum Eintrag NSU-Prozess, 15.05.2013).

Beispiel 2:

„Ich gebe dir weitgehend recht. Es ist eben soviel einfacher die Tagespresse, die man sowieso liest, mit seinem Mitteilungsbedürfnis und politischen Meinung zu verbinden und hierbei mitzuwerkeln auch wenn man keine wirkliche Ahnung von der Sache hat, als wochenlang Bücher zu lesen und in Artikeltext zu packen. Deshalb ist die Newstickeritis sowas wie Karies - fast überall und muss ständig bekämpft werden. [...] In sechs bis zwölf Monaten sieht man dann was als relevantes, allgemeines Wissen übriggeblieben ist und kann den Artikel entsprechend ändern.“ (Diskussion zum Eintrag Innocence of Muslims, 18.09.2012).

Die Beispiele zeigen auch, dass Metaphern Framing-Effekte erzielen. Sie aktivieren ganze Wissensbestände – bei itis-Kombinationen etwa: die Ansteckungsgefahr, die Notwendigkeit der ärztlichen Behandlung sowie Bekämpfung und Heilung der Krankheit. Insgesamt werden die Wikipedia-Autor*innen so mithilfe sprachlicher Bilder als lebendige Gemeinschaft dargestellt, die hin und wieder durch Krankheiten befallen wird. Mit dem Bild der Krankheit wird die (soziale) Unerwünschtheit des regelwidrigen Verhaltens dargestellt. Die besprochenen Krankheitsmetaphern werden dabei mit einem (selbst-)ironischen Unterton verwendet und haben deshalb häufig auch nicht die Schärfe von Krankheitsmetaphern in politischen Diskursen, wenn etwa politische Gegner als Krebsgeschwüre bezeichnet werden. Mit dem häufig in medialen Diskursen benannten Sprachverfall durch das Internet oder mit der allgemein attestierten Sprachverrohung haben diese Wortbildungsprodukte also wenig zu tun.

 

Erweitertes Diskursmodell zur Analyse digitaler Daten

 

Am gerade vorgestellten Beispiel der Metapher Newstickeritis, die als sprachliche Einheit digitaler Diskurse zur Qualitätssicherung in Wikipedia zu sehen ist, kann man zeigen, wie bisherige diskursanalytische Modelle ausgebaut werden müssen, um genuin digitale Diskurse angemessen analysieren zu können. Bisherige Modelle für linguistische Diskursanalysen sind nämlich sehr stark an gedruckten Texten wie z.B. Zeitungsartikeln orientiert und berücksichtigen etwa Aspekte der Hardware und Software digitaler Plattformen nicht. Abbildung 4 zeigt ein erweitertes Modell, das bisherige Modelle (konkret das Mehr-Ebenen-Analyse-Modell nach Spitzmüller & Warnke 2011) mit den Ebenen C-E würdigt, dieses aber um die vier Ebenen A, B, F und G erweitert:

Bei der Analyse digitaler Diskurse spielen häufig mehrere Ebenen des Modells eine Rolle: Newstickeritis kann als Wortschöpfung (Ebene E.3) mit transtextueller Verbreitung (Ebene C) verstanden werden, die von Akteur*innen in Wikipedia (Ebene D) dazu genutzt wird, normierende Aussagen zu formulieren. Ziel dieser Aussagen auf den Diskussionsseiten der Wikipedia ist es, die grundsätzlich mögliche Nutzung der zugrundeliegenden Software WikiMedia für ein sehr schnelles Aktualisieren der Wikipedia (Ebene A) auf ein institutionell bzw. von der Gemeinschaft der Wikipedia-Autor*innen erwünschtes Maß zu reduzieren (Ebene B).

Anhand der diskurslinguistischen Betrachtung der itis-Kombinationen, die charakteristisch für die Interaktion der Autor*innen auf Diskussionsseiten sind, konnte gezeigt werden, dass es umfangreiche Qualitätsdebatten in der Wikipedia gibt. Zudem wurde deutlich, welche Aspekte in diesen Debatten der Online-Enzyklopädie eine Rolle spielen. Beispielhaft wurde etwa über den Begriff Newstickeritis transparent, dass es der Mehrzahl der Autor*innen darum geht, lediglich durch verlässliche Quellen abgesicherte Wissen in die Wikipedia aufzunehmen. Dieses Beispiel hat auch gezeigt, warum es notwendig ist, bisherige Analyse-Modelle im Bereich der Diskurslinguistik angemessen zu erweitern, sodass auch digitaler Plattformen diskurslinguistisch adäquat analysiert werden können.

 

 

Literatur

  • Gredel, Eva (2018): Itis-Kombinatorik auf den Diskussionsseiten der Wikipedia: Ein Wortbildungsmuster zur diskursiven Normierung in der kollaborativen Wissenskonstruktion. In: Zeitschrift für Angewandte Linguistik 68 (1), S. 35-72.
  • Gredel, Eva (2020): Digitale Diskursanalysen: Das Beispiel Wikipedia. In: Marx, Konstanze / Lobin, Henning / Schmidt, Axel (Hrsg.): Deutsch in Sozialen Medien. Interaktiv, multimodal, vielfältig. Jahrbuch des Instituts für Deutsche Sprache 2019. Berlin / Boston: de Gruyter, S. 247-264.
  • Hoppe, Gabriele (2010): „Reinigung und Fixierung“ – Etablierung neoklassischer Lehn-Wortbildung. Etymologisch-korrekte Wiederherstellung von fachsprachlichen |itis|-Lehnwörtern und ihren Ableitungen seit der Frühen Neuzeit. Herausbildung einer fachsprachlichen Lehn- Wortbildungseinheit -itis. Mannheim: Institut für Deutsche Sprache.
  • Nortmeyer, Isolde (1987): Untersuchung eines fachsprachlichen Lehnwortbildungsmusters: itis-Kombinatorik in der Fachsprache der Medizin. In Gabriele Hoppe, Günter Schmidt, Wolfgang Rettig, Isolde Nortmeyer, Elisabeth Link & Alan Kirkness (Hrsg.), Deutsche Lehnwortbildung, 331–408. Tübingen: Narr.
  • Spitzmüller, Jürgen & Ingo H. Warnke (2011): Diskurslinguistik. Eine Einführung in Theorien und  Methoden der transtextuellen Sprachanalyse. Berlin & Boston: de Gruyter.

  • Storrer, Angelika (2017): Internetbasierte Kommunikation. In: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung; Union der deutschen Akademien der Wissenschaften (Hrsg.): Vielfalt und Einheit der deutschen Sprache. Zweiter Bericht zur Lage der deutschen Sprache. Tübingen: Stauffenburg. S. 247-282.

 

 

 

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